DIE VULKANHALBINSEL METHANA IN GRIECHENLAND  
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Sonne, Meer, Heilbäder und Vulkane
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Methana-Bericht v. Andreas Deffner

Vulkan, Taverne, Reiseleiter – Fotosafari durch einen ehemals stolzen Kurort

Von Santorin hat fast jeder schon einmal gehört. Eine durch seine Vulkane weltberühmt gewordene und für den griechischen Tourismus unentbehrliche Insel. Die drei anderen griechischen Vulkaninseln haben nicht annähernd so viel Bedeutung.

Wer sind die drei anderen?

Einigen ist vielleicht noch Milos ein Begriff, wenigen anderen Nisyros, aber spätestens dann ist meist Schluss. Ein Inselchen scheint sich vehement dem Einfluss des Tourismus und der Bekanntheit widersetzen zu wollen, ganz ähnlich dem kleinen gallischen Dorf aus den Asterix-Comics, welches sich gegen die reformierenden Römer auflehnt. Die Rede ist von Methana. Mein Wanderpartner auf dieser Vulkanhalbinsel hat zwar weder die Statur von Obelix, noch die Fähigkeiten eines zaubertrankgestärkten Asterix`, doch ist er mindestens so neugierig und entsprechend viel unterwegs wie Obelix` kleiner Weggefährte Idefix.

Vor vielen Jahren habe ich Tobias Schorr kennen gelernt. Den gebürtigen Deutschen hat es nach einer erfolgreichen Fotografenausbildung in die Ferne gezogen. Gelandet ist er hier auf Methana. Eine gehörige Portion Mut gehört schon dazu, wenn man sich entschließt, in die Einsamkeit dieser abgeschiedenen Halbinsel zu begeben. Denn obwohl Methana mit dem Schnellboot in gerade einmal einer Stunde von Piräus, dem Athener Hafen, aus zu erreichen ist, verirrt sich kaum ein Tourist hierher. Für den naturliebhabenden Griechenlandbesucher ein Paradies. Und auch Methana`s Einwohner scheinen, entgegen der typisch griechischen Offenheit, die Ruhe und Abgeschiedenheit zu genießen. Etwas seltsam sind sie vielleicht, aber gleichzeitig liebenswürdig. Wie die Bewohner des kleinen gallischen Dorfes aus den Comics, oder wie die dortigen Römer es nennen „das Dorf der Verrückten“.

Hierhin also zog es den Fotografie- und Wanderverrückten naturliebhabenden Tobias Ende der 80`er Jahre, auf der Suche nach … Ja wonach eigentlich? Einer neuen Heimat? Einem Neuanfang? Oder einfach einer einzigartigen Gegend? Seine Neugierde befriedigen? Danach gefragt antwortete mir Tobias in Deutschland: "Das kann man schwer beschreiben. Komm, wir fahren hin, ich zeig`s dir!" Und so machen wir uns auf den Weg nach Methana um ein wenig von der Atmosphäre und dem Leben auf der Vulkanhalbinsel einzuatmen.

An einem sonnigen Märznachmittag treffe ich Tobias in Piräus. Er, der seinen Lebensunterhalt unter anderem mit der Betreuung von Reisegruppen verdient, hatte natürlich im Vorfeld unsere Anreise sorgfältig geplant. Die mehr und mehr in Vergessenheit zu geratene Vulkanhalbinsel Methana wird zunehmend seltener von den Fährschiffen angelaufen. In den Wintermonaten ist der ohnehin übersichtliche Fährplan zudem noch einmal ausgedünnt. Die Schnellboote laufen Methana seit einem Jahr nicht mehr an.

Zur Anreise empfiehlt Tobias deshalb den Umweg über die Nachbarinsel Poros. Mit dem Tragflügelboot, dem Flying Dolphin kommt man in etwa einer Stunde dorthin. Wir sind deutlich zu früh am Kai, aber Tobias hat in seinen langen Griechenlandjahren eins gelernt: Die sprichwörtliche griechische Gelassenheit.

Wir setzen uns in ein nahegelegenes Kafeneion und feiern unser Wiedersehen mit einem herrlich frischen Ouzo, mit viel Eis und Wasser. Tobias ist bestens auf die Reise vorbereitet. Aus seinem kleinen Tagestouren-Wanderrucksack kramt er seine Fotoausrüstung hervor, um schon hier das erste Mal auf den Auslöser zu drücken. Unmengen Filmdosen und Speicherkarten stapeln sich in seinem Marschgepäck. Wir wollen reichlich fotografieren. Und Tobias wirkt zunehmend ungeduldig. Gut also, dass unser Tragflügelboot kurz darauf aus Piräus abfährt.

Nach nur einer Stunde stehen wir an der selbst jetzt im zeitigen Frühjahr recht belebten Hafenpromenade der malerischen Inselhauptstadt Poros-Stadt. Ein guter Ausgangspunkt, so versichert mir mein „persönlicher Reiseleiter“ Tobias, für die Spaziergänge des nächsten Tages. Doch für die heutige Nacht wollen wir uns hier einnisten. Nach einer erfrischenden Dusche schlendern wir durch die verwinkelten Gassen von Poros um ein wenig der „winterlichen“ Atmosphäre einzusaugen, und wir genießen dabei die angenehm warmen Abendtemperaturen.
Auf dem Vorplatz des leider schon geschlossenen Museums liegt ein unscheinbarer großer Steinblock. Er wirkt wahllos hier abgestellt. „Ein antiker Mühlstein“, erklärt Tobias. "Und wer hat ihn ausgegraben, und zwar auf Methana? Einer aus Deiner Familie. Der Archäologe Michael Deffner!" sagt Tobias. Dieser "Verwandte" war auch der Auslöser dafür, dass ich vor Jahren zufällig die Bekanntschaft mit Tobias geschlossen hatte. Denn auf Tobias` Internetseiten  findet sich neben unzähligen Fotos und zahlreichen Informationen über die Insel Methana auch eine ganze Menge über die Arbeit des Archäologen auf dieser Halbinsel.

Nach dem langen Tag und der bevorstehenden Wanderung durch das wilde Methana ist uns nun zum Abschluss des Tages noch nach ein wenig Geselligkeit, und so kehren wir auf dem Rückweg in unser Hotel in einer kleinen Bar an der Hafenpromenade ein, in der sich noch einige internationale Segler zu einem Anleger-Bier eingefunden haben. Wir bestellen lieber einen traditionellen Ouzo und Tobias erzählt noch die eine oder andere spaßige Geschichte aus seinen Methana-Jahren. Der nächste Morgen weckt uns mit einem brillianten Wintersonnenlicht, als hätte es der Fotografengott persönlich für uns bestellt. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren trinken wir einen schnellen Kaffee auf dem Balkon unseres Hotelzimmers, von wo aus wir einen herrlichen Panoramablick auf Galatas haben. Die nur wenige hundert Meter von Poros entfernt am Festland des Peloponnes liegende Stadt bildet zusammen mit Poros-Stadt eine schmale Durchfahrt. Unter Seglern ist dieser flache „Meereskanal“ ebenso beliebt wie gefürchtet. So manch eine Segelyacht hat hier schon auf einer der vielen Sandbänke festgesessen. Ich selbst habe hier schwitzend eine gecharterte Yacht durchgemogelt, mit maximal noch einer Handbreit Wasser unterm Kiel. Nicht einfach, aber es geht.
Alles geht! In Griechenland sowieso. Wenn auch oft nicht zu Fuß. Wir aber machen uns, natürlich per pedes auf und schlendern mit den Fototaschen auf den Rücken in Richtung Meerenge. Tobias kennt die Anlegestellen der kleinen Kaikiboote, die als kleine Personenfähren zwischen Poros und Galatas im 5-minuten-Takt pendeln. Nach einer kurzen Überfahrt über die gefürchteten Sandbänke erreichen wir die Promenade von Galatas. Auch hier fühlt sich Tobias fast wie zu Hause, kennt unter anderem den hier ansässigen Autovermieter, der uns nun für einen wirklich fairen Preis einen Wagen übergibt, mit dem wir uns auf die kurze Strecke nach Methana machen.

Ja, Tobias ist gut organisiert. Ein guter Reiseleiter, da bin ich mir sicher, obwohl ich noch keine seiner geführten Gruppenwanderreisen mitgemacht habe. Ganz sicher ein Fehler. Er weiß was er tut. Auch, als wir kurz hinter dem Ortsausgang von Galatas spontan nach rechts von der Straße abbiegen und über eine kleine Straße durch Felder und Obstplantagen in Richtung Küste rappeln.

Neben eingezäunten Olivenbäumen parkt kurz darauf der Mietwagen, und in Tobias` Taschen wandern unzählige Filme für den Fotoapparat. „Komm, nimm deine Kamera mit, wir spazieren zur prähistorischen Ausgrabungsstätte von Maghoula!" sagt Tobias. "Sehr sehenswert und außerdem hat man von dort – gerade morgens - einen fantastischen Blick auf Methana.“ Tobias ist ganz wild darauf die ersten Fotos des Tages zu machen, das Licht ist blendend, und so eilen wir zügig zwischen Maschendrahtzäunen, einen kleinen Trampelpfad entlang, eine Anhöhe hinauf.

Nach wenigen hundert Metern erreichen wir die nördliche Küste des Peloponnes. Beeindruckend der Blick in Richtung auf die Halbinsel Methana, die zwar am Peloponnes "klebt" aber zur Präfektur Piräus gehört. Bizarr ragen am Horizont die spitzen Ecken und Kanten der Vulkandome in die Höhe. Im Kontrast dazu die leichten Rundungen des fotografierenden Reiseleiters. In diesen Ausblick zwängt sich ein Ausgrabungsfeld. Hier wurde vor ca. 10 Jahren zufällig ein mykenisches Kuppelgrab entdeckt. Die gesamte Gegend hier ist ein archäologisches Kleinod. Tobias kennt die Zusammenhänge hier genau. Das vor uns liegende mykenische Grab stamme aus der Zeit um 1400 v. Chr. "Die grabende Archäologin Eleni Konstolakis-Jiannopoulou vermutet, dass dieses Grab und drei weitere hier gefundene, möglicherweise zum Grab des Theseus gehören." sagt Tobias.

Für die Region, die in direkter Nähe zum antiken Troizen liegt, wäre das eine kleine Sensation. Die Ausgrabungen laufen derzeit noch. Wir sind gespannt auf die nächsten Entdeckungen und gehen zurück zum Wagen. Doch plötzlich hält Tobias ein kleines schwarzes Ding in den Händen, das er zwischen unzähligen ähnlichen Steinchen vom Boden aufgesammelt hat. Erst als er es mir direkt unter die Nase hält bemerke ich, dass es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Stein handelt. „Das ist Obsidian“, sagt Tobias. "Ein vulkanisches Glas. Genauer gesagt ein glasartig erstarrtes Vulkangestein." In der Steinzeit wurde es angeblich als „schwarzes Gold“ bezeichnet. Der Hobbyvulkanologe Tobias kennt sich aus.

Spätestens seit er vor vielen Jahren gemeinsam mit einem Schweizer Geologen die Halbinsel Methana erstmals komplett vermessen und kartografiert hat, sind Vulkane seine Leidenschaft. Obsidian in der Hand, Kraterumrisse am Horizont und ein Vulkanologe an meiner Seite. Ganz klar, wir sind nah dran: Nah am Vulkan. Eine ganze Halbinsel davon liegt vor unseren Nasen und wir werden uns ihr nun weiter annähern.

Der kleine Obsidianbrocken wandert wieder zurück auf das Grabungsfeld und wir zu unserem Mietwagen. Griechenland ist immer wieder überraschend. Eben noch das schwarze Gold der Vorgeschichte in Händen, erblicken unsere nach schönen Fotomotiven Ausschau haltenden Augen nun plötzlich das schwarze Gold der Neuzeit. Eine kleine, ölige Bewässerungspumpe für die Oliven- und Obstplantagen steht eingezäunt an einem kleinen Hügel. Das Schwarze an ihr ist das Schmiermittel, was sich offensichtlich seit Jahren vorbei an (Un)Dichtungen seinen Weg nach außen bahnt. Wie erkaltete Lava kriecht das Motoröl aus dem inneren der Pumpe und mäandert zäh den kleinen Abhang hinunter. Ein Naturschauspiel. Es liegt scheinbar in der Natur der Griechen, Probleme, wenn überhaupt, provisorisch zu beheben. Es wäre sicher nicht sehr aufwendig gewesen, die undichte Pumpe zu reparieren, doch es ist um ein Vielfaches einfacher, ab und an Öl nachzukippen. Nicht gerade nachhaltig, wenn man einmal vom Umsatz des örtlichen Ölhändlers absieht. Die Anzahl der leeren im ölverschmierten Gras liegenden Kanister lassen darauf schließen, dass hier seit Jahren "schwarzes Gold" im Erdreich versickert. Eine Schande!Wenig später sind wir bereits wieder auf der Straße. Richtung Methana geht`s weiter. Nur gut denke ich, dass unser Auto vollgetankt ist. Erdölprodukte habe ich vorerst genug gesehen. Jetzt wird es Zeit, in unberührte Natur vorzustoßen. Die Halbinsel Methana mit ihren über 30 Vulkandomen bildet ein besonderes Biotop für zahlreiche Tiere und Pflanzen, und für ruhesuchende Touristen ebenso. Mit seinen gerade mal rund 800 dauerhaft auf Methana lebenden Einwohnern hat die Insel eine Spezialität höchsten Grades: Gerade mal etwa 25 Einwohner pro Vulkandom. Ein sicherlich weltweit einzigartiger Wert.

Als wir die schmale Landzunge passieren, die die Halbinsel Methana mit dem Festland verbindet, biegt Tobias zum zweiten Mal an diesem Tag in eine mir unbekannte Straße ab. „Wunder dich nicht, aber die neue Küstenstraße ist nach Jahren fertiggestellt“, sagt Tobias. Er ist sich zwar sicher, dass dieser Asphaltstreifen völlig überflüssig ist, aber wir benutzen ihn nun auch, um schneller ins Vulkandorf Kameni Hora zu gelangen. Unsere Nasen danken es uns, denn Dank dieses neuen Bauwerks umgehen wir den Ortseingang von Methana-Stadt, wo sich die Schwefelquellen aus dem Vulkangestein quälen und ihre schweflig-stinkenden Gase den Neuankömmlingen unschwer klar machen, dass es sich bei Methana um einen besonderen Kurort handelt. Auch die Menschen sind hier speziell, erklärt mir Tobais. Zurückhaltender und fast ein wenig verschlossen seien sie hier. Bei seinen jahrelangen Bemühungen der sanften touristischen Nutzung auf die Beine zu helfen hat Tobias ein ums andere Mal Rückschläge einstecken müssen. Meist bedingt durch die spezifischen Charakterzüge der Methaner. Tobias ist sich sicher: Mit ein wenig mehr Engagement und Offenheit wäre die Halbinsel heute vielleicht wieder so bekannt wie noch vor 80 Jahren, als der Kurort Methana in Griechenland fast jedem ein Begriff war. Heute kennt fast niemand dieses abgeschiedene Eiland, obwohl es von Athen so schnell zu erreichen ist.

Kurz vor dem Fischerdorf Vathy endet die asphaltierte Straße und es geht einige Meter über Schotter weiter, bevor wir auf die alte asphaltierte Dorfstraße stoßen. „Es ist eigentlich zum Totlachen, wenn es nicht so traurig wäre“, sagt Tobias. Die nagelneue Straße wird vom Schotter unterbrochen, weil genau an dieser Stelle ein archäologisches Grabungsfeld liegt. In diesem darf selbstverständlich nichts gebaut werden. Schon gar keine Straße. Das allerdings, so weiß Tobias, hatten die cleveren Straßenplaner leider völlig vergessen. So bleibt die Straße ein Provisorium. Ich meine, ein kleines bisschen Schadenfreude in Tobias` Grinsen erkennen zu können, als er von dieser Provinzposse berichtet.

Wir fahren an der Strandpromenade von Vathy entlang. Niemand ist zu sehen, das Dorf scheint leblos. Auch die Fischtaverne von Theoni ist menschenleer. Mit Theoni`s Sohn Takis ist Tobias zwei Jahre lang jeden Morgen zum Fischen aufs Meer hinaus gefahren. Nach Stunden auf See stieg er regelmäßig im direkten Anschluss mit Theonie in seinen weißen Renault-Lieferwagen um durch die Dörfer zu fahren und dort Fische feil zu bieten. Tobias lebt inzwischen im Rheinland. Theoni`s Familie fischt noch immer und ihr neuer Fischverkaufswagen gehört zu Methana wie der Karneval zu Köln. Völlig andere Welten. Mein Reiseleiter braucht beides. Ohne die Öde, ohne die irrwitzig klingenden Alltagsgeschichten Methanas kann er nur schlecht, und will er eigentlich auch nicht leben.
Auf unserem Weg in die vulkanischen Berge des Hinterlandes erzählt Tobias von seiner damaligen Bleibe auf dem Vulkanberg. Er hatte am Rand des Hauptortes Methana ein altes Bauernhaus gemietet und wollte ein paar Tiere im Garten halten. Auf dem Wochenmarkt der Stadt kaufte er sich ein Dutzend Küken. Er wollte Hühner züchten, eigene Eier haben, ein wenig autark sein. Doch der Neuinsulaner hatte die Rechnung ohne die bauernschlauen Marktverkäufer gemacht. Denn diese hatten ihm ein Dutzend Hähnchenküken angedreht. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten hat Tobias sich aber dann doch eingelebt. Und "kotopoulo sto fourno" ist ja schließlich in Griechenland ein beliebtes Gericht.

Nach und nach lernte Tobias viele der wenigen Einwohner der Insel kennen und hat einige gute Freunde gefunden. Einer von ihnen ist Theodoros. Seine Taverne in Kameni Chora ist unser Ausgangspunkt für eine Wanderung zum ehemaligen Ausbruchszentrum des 412 m hohen Lavadom. Das „Weinsanatorium Vulkan“, wie die aus Vulkangestein erbaute Taverne übersetzt heißt, ist geschlossen als wir uns mit unseren Rücksäcken auf die Terrasse setzen. Hier sitzen wir und staunen. Auch Tobias. Immer wieder aufs Neue. Denn die Stille, die uns umgibt, ist bezaubernd und anregend. Man möchte das Atmen einstellen um alle Geräusche der üppigen Fauna und Flora wahrzunehmen. Wie gerne wäre ich in diesem Moment ein ägäischer Schwammtaucher. Einer dieser zähen Burschen, die es schaffen, gut und gerne zweieinhalb Minuten oder länger ohne Sauerstoff unter Wasser zu bleiben. Ohne zu atmen.

Ein ohrenbetäubendes Gemeckere reißt uns aus unserer Lethargie. Am Straßenrand steht Theodoros` Truthahn. Er hat uns entdeckt. Schreit wie ein Brüllaffe. Nur lauter. Ein Albaner biegt um die Ecke. Eben noch damit beschäftigt einen Haufen großer Vulkansteine zu zerkleinern. Mehrere riesige Brocken liegen noch direkt vor der Terrasse. Dorthin geht er nun mit seinem Vorschlaghammer. Als er uns sieht grüßt er griechisch-gastfreundlich, winkt und ruft uns zu: "Is` noch zu der Laden!"
"Ist denn Theodori nicht hier?", fragt Tobias.
"Ne Jungs, aber wenn ihr was trinken oder essen wollt` dann hol` ich ihn schnell her."
"Wir waren hier mit ihm verabredet."
"Ach ihr seid Freunde? Dann macht`s euch bequem, ich lauf schnell rüber zu ihm und sag` Bescheid, dass ihr hier seid."
"Nicht nötig", sagt Tobias. "Wir gehen besser selbst rüber."
"Ja, gute Idee, er wird sich freuen. Einen schönen Tag wünsch ich euch!", sagt der Albaner und beugt sich wieder über seine Steine.

Um diese Zeit ist nicht viel los in dem 24-Seelendorf Kameni Chora. Theodoros macht seine Taverne jetzt nur nach Bedarf auf. Die Wintermonate nutzt man auch hier, um kleinere Reparaturen zu machen oder gleich Neues zu bauen. Wir spazieren den vulkanischen Schotterweg hoch. Als wir ankommen und nach Theodoros rufen, fliegt die Tür auf und ein eher kleiner, sympathisch aussehender Mann in den besten Jahren kommt auf uns zugerannt und begrüßt uns überschwänglich und mit breitem Grinsen. Er freut sich Tobias zu sehen. Die zwei sind seit Jahren Freunde und immer wenn der Reiseleiter mit einer Wandergruppe in der Nähe ist, kehren die Vulkanwanderer auf dem Rückweg vom Krater im Weinsanatorium ein um von den herrlichen Weinen zu probieren. Wein und Vulkan bilden auf Methana eine besondere Symbiose. Einige der Methana-Interessierten vermuten sogar, dass der Name der Halbinsel vom altgriechischen »μεθάω» (methao – sich betrinken) abgeleitet wurde, denn Methana war in der Antike ein wichtiges Weinanbaugebiet.
Noch heute lassen sich viele antike Weinpressen im Gebirge der Halbinsel bewundern. Über all das und viel mehr lässt es sich gut nach einer langen Wanderung zum Vulkan bei dem einen oder anderen Gläschen philosophieren. Wir aber sind mit unserem Spaziergang noch nicht zu Ende. Der Wein muss also warten. Als wir uns gerade auf dem Weg hinauf zum Vulkankrater machen wollen, reißt sich Theodoros seinen Pullover vom Leib: "Tobias, schau was ich anhabe!" ruft er. Beide tragen an diesem Tag zufällig das gleiche Vulkan T-Shirt. Tobias ist Mitbegründer von Volcano Discovery, ein auf weltweite Vulkanreisen spezialisiertes Reiseunternehmen. Er hatte Theodoros bei einem seiner letzten Besuche eines dieser T-Shirts dagelassen. Ausgerechnet zu unserem Spaziergang tragen es beide. Brüder im Geiste, die Vulkane lieben und von ihnen leben. Die Gelegenheit für ein Foto! Vor der einzigartigen Landschaft Kameni Hora`s. Nach diesem Fotoshooting vor der beeindruckenden Vulkankulisse machen wir uns weiter auf den Weg nach oben. Der Deffner in mir drängelt. Er will mehr sehen und bewandern von dieser landschaftlich ausgesprochen reizvollen Halbinsel, die schon Michael Deffner, der Archäologe zu Beginn des 20. Jahrhunderts besucht hat.
Michael Deffner hatte sich 1912 zur Kur nach Methana begeben und sich dabei auch archäologisch umtriebig gezeigt, wie wir anhand des Mühlstein bereits am Vorabend auf Poros gesehen hatten. Sicherlich hat Michael Deffner auch den Aufstieg zum großen Vulkankrater gemacht. Heute ist es allerdings einfacher den direkten Weg zu finden, nachdem Tobias vor Jahren, gefördert mit Mitteln des griechischen Fremdenverkehrsministeriums, Wanderwege restauriert hat. Auf einem dieser schlängeln wir uns den Berg hinan.
Und dennoch: Von niederem Gestrüpp nahezu überwuchert liegen die ehemals liebevoll angelegten Wanderwege heute brach. Es scheint, als kümmere sich niemand mehr um sie. Besucher, Touristen, Einheimische – Fehlanzeige! Die Wanderwege als Sinnbild der verschlafenen Halbinsel. Faulheit, Desinteresse? Fakt ist, Methana hat beste Voraussetzungen dafür, seinen ehemals ausgezeichneten Ruf als erholsames Heilbad zurückzuerobern.
Zu faszinierend die Landschaft, zu atemberaubend die würzigen Düfte der kräuterdominierten Fauna, zu einzigartig die Ausblicke auf die umliegenden Inseln. Hiervon auf unserem Weg begleitet, tanken wir neue Kraft. Wer die Nase voll hat, von trüber deutscher Herbst- und Winterlandschaft, der sollte sich unbedingt hierhin aufmachen oder sich gleich einer von Tobias` geführten Wandergruppen anschließen.

Der Spaziergang über den Wanderweg zum Vulkan hat uns hungrig gemacht. Wir beschließen in Methana-Stadt etwas zu essen. Dort müssen wir ohnehin noch vorbei, denn Tobias ist mit dem örtlichen Arzt verabredet. Die beiden wollen gemeinsam versuchen den Dornröschenschlaf des Kurortes zu verkürzen. Ob der Doktor ein passendes Riechfläschchen für seine Heimat aus dem Arztköfferchen schütteln kann? Neugierig setzen wir uns ins Auto um die rund 10km nach Methana schneller zurückzulegen. Auf halbem Weg winden sich jedoch braune Rauchschwaden in den Himmel. Von weitem scheint die Hochebene Throni in Flammen zu stehen. Hier hatte Michael Deffner seinerzeit einen antiken Turm ausgegraben, deren Grundmauern und das Eingangsportal noch heute zu bewundern sind. Wir biegen also kurzerhand in die schmale Seitenstraße ein, die zur Ausgrabung führt.Feuer an der archäologischen Stätte? Wir beeilen uns zu dem Turm zu kommen, den Tobias schon unzählige Male aus allen Winkeln fotografiert hat. Die aus der Ferne als Steppenbrand ausgemachte Feuersbrunst schwindet glücklicherweise bei der Annäherung zu einem Strohfeuer.
Direkt neben dem antiken Turm qualmt es zum Himmel. Je näher wir kommen, desto harmloser wirkt jedoch das Feuerchen. Wir spazieren nun entspannteren Schrittes auf das alte Bauernehepaar zu, das sich auf der halbbefestigten Straße daran macht, ihre Olivenbäume zu beschneiden und die gekappten Äste kontrolliert zu verbrennen. Argwöhnisch, fast bösartig beäugen uns die beiden mit Spaten und Harke ausgestatteten Ölbaumfriseure.
Vor dem rotbraunen vulkanischen Boden wirken die zwei Feuermacher wie Bösewichte vor ihren an den Stämmen bizarr blau gestrichenen Olivenbäumen. Mit unseren Fotoapparaten behängt stehen wir vor den beiden. Ob wir Archäologen sind, wollen sie wissen. Als wir das verneinen, werden ihre Gesichtszüge ebenso rasch freundlicher, wie der von ihnen frisch auf die Olivenbaumstämme aufgebrachte Schutzanstrich seine Farbe von blau nach weiß verändert. Verwunderlich. Was geht hier vor? Wir fragen nach, wieso die zwei denn wohl diese offensichtliche Abneigung gegen Archäologen haben. Die uralten Olivenbäume spielen dabei eine zentrale Rolle, wie wir nun abwechselnd aus dem Mund von Frau und Herrn Olivenbauer erfahren:

„48 Cent!“, sagt die Bäuerin. Wir schauen uns fragend an. Begreifen nicht, was die herzensgute und sichtbar gedemütigte alte Frau meint. Noch einmal dringt dieser Pfennigsbetrag aus ihrer trockenen Kehle an unsere Ohren. Diesmal leiser, diesmal resigniert. Ihr Mann facht das zündelnde Feuer neu an. Er wirft einen Haufen zusätzliches Olivenholz nach und die Funken fliegen. Der Qualm beißt uns in die Augen. Uns treibt es die Tränen in die Augen, als wir nun hören, dass die 48 Euro-Cent exakt der Betrag sein soll, den der Staat dem Bauernehepaar für die Zwangsenteignung ihrer Olivenplantage pro Quadratmeter zahlen will. Ihre kleinen Olivenfelder liegen neben der antiken Ausgrabung von Michael Deffner. Die Archäologen wollen offenbar das gesamte Areal zum archäologischen Gebiet deklarieren. Der griechische Staat kann zu diesem Zweck unter bestimmten Voraussetzungen die rechtmäßigen Eigentümer gegen Entschädigung enteignen. Einer solchen blickt unsere feuermachende Bauernfamilie nun entgegen. Ein Leben voller Hingabe, voller Leidenschaft für die Olivenbäume, wie sie vielleicht nur ein Grieche entwickeln kann, scheinen zu zerrinnen. „Ich bin eine alte Frau“, sagt die Bäuerin. „Aber ich bin nicht dumm. Von dieser Entschädigung kann ich mir nicht einmal eine Handvoll Oliven kaufen. Meine Bäume aber garantieren mir immer wieder neue Früchte – ein Leben lang.“
Das Einzige was wir für die zwei tun können ist ihnen Mut zu machen, den juristischen Weg durch die Instanzen durchzufechten. Dazu sind sie entschlossen. Sie wollen kämpfen. Sie hoffen, die Enteignung gegen ein Taschengeld abzuwenden. So einfach gibt ein Grieche nicht auf und seine Olivenbäume nicht her. Was Michael Deffner wohl dazu gesagt hätte?Nach diesem Erlebnis wirkt Tobias nachdenklich. Der ursprüngliche Plan, in Methana-Stadt zunächst etwas zu Essen, wird kurzentschlossen verschoben. Es wird Zeit den Kurarzt zu treffen. Andreas, ein griechischer Badearzt wie er im Buche steht, entpuppt sich als gutgelaunter, sympathischer Vierzigjähriger, mit vertrauenswürdigem Blick. Humor ist ihm ganz bestimmt nicht fremd. In einem verbeulten Kleinwagen ohne vordere Stoßstange fährt er vor dem Cafe vor, in dem wir auf ihn warten.
Sein gemütliches, durch leichtes Übergewicht geprägtes Äußeres, lässt mich annehmen, dass wir nun zunächst zwei bis drei Stunden im Cafe bummeln und plaudern. Aber weit gefehlt. Der Landarzt ist aktiver als er auf den ersten Blick scheint. Er will Tobias unbedingt sofort die neuen Entwicklungen zeigen. Mir scheint, dass Tobias in ihm einen geeigneten Mitstreiter gefunden hat, um den narkotisiert wirkenden Kurort wieder neu zu beatmen.
Der Badearzt führt uns auf seinem Hausbesuch die Promenade - die Odos Aktis Saronikou - entlang bis fast ans Dorfende. Dort sticht ein liebevoll restauriertes Natursteinhaus sofort ins Auge und setzt sich positiv von den eintönig und für modern gehaltenen Fassaden der noch in Betrieb stehenden Hotels der Hauptstraße ab.
Auf der Rückseite des Hotels Akti treffen wir im Innenhof die Besitzer. Echte griechische Herzlichkeit empfängt uns, und der Kurort im Winterschlaf erblüht plötzlich im inneren dieser kleinen Oase. Noch während man mich vorstellt, wird etwas zu trinken serviert. Nebenbei untersucht Andreas den kleinen Jungen der Familie, der wie üblich kerngesund ist, und der Arzt witzelt und verlangt nicht ganz ernst gemeint nach 100 Euro Schwarzgeld cash auf die Hand, für die herausragende ambulante Behandlung. Als griechischer Kassenpatient kommt man hier sicher nicht weit. Das Geschehen verfolgen wir alle gemeinsam amüsiert in einem urgemütlichen Wohnzimmer der Hotelierfamilie.

Ein längsseits durchgesägtes Fischerboot hängt hier an der Wand, der Fernseher steckt in einem Einkaufswagen wie man ihn aus dem Supermarkt kennt und in einer Ecke liegt kurbedürftig dreinschauend der riesige Mischlingsrüde, der noch mit den Folgen eines Wespenstiches hadert. Als ob dem Hund der Trubel im Haus zu groß geworden wäre, schleicht er sich in den Hof hinaus.
Das wirkt wie ein Aufruf ihm zu folgen. Und auch der Hotelier Georgios will uns draußen etwas zeigen. Vom Innenhof aus blicken wir auf die Baustelle am angrenzenden Gebäudekomplex. „Das ist das ehemalige Mineralwasserhaus“ sagt Georgios. Es gehörte einst zum pulsierenden Kurbetrieb Methanas wie selbstverständlich dazu. Hier wurde das Methaner-Heilwasser gefördert und abgefüllt. Seit Jahrzehnten liegt das Gebäude brach. Aber künftig soll hier wieder Wasser sprudeln. Die Hotelierfamilie will ihren Anteil am möglichen Aufschwung beitragen.
Die Restaurierungsarbeiten sind in vollem Gange. Als Arbeiter dabei waren Unmengen an Unrat und Abfällen aus dem Gebäudekomplex heraus zu schaffen, hätten sie fast interessante Dokumente vernichtet. Georgios sah zufällig einen der Müllsäcke offenstehen und rettet den Fund vor der Müllabfuhr. „Kuckt euch das an.", ruft Georgios uns zu. Vor unseren Augen breitet er stapelweise alte vergilbte Zeitungen auf den Gartentisch aus. Allesamt datiert aus den 40`er-Jahren. "Das wollten die Arbeiter einfach weg schmeißen. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig entdeckt.“ Der Krieg hatte auch Methana nicht verschont gelassen und so sind die Zeitungen voll mit Kriegsberichten. Die meisten der heutigen Bewohner Methanas scheinen der historischen Zeugnisse jedoch wenig Aufmerksamkeit beizumessen. Allgemeines Desinteresse? Dabei sollte gerade hier der Vergangenheit Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Zeit, als das Geschäft mit der Gesundheit hier noch boomte. Und gerade nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der schleichende Verfall des ruhmreichen Kurortes seinen Lauf.

Nicht im Hier und Jetzt verharren. Wieder ist es der Badearzt, der uns zum weitergehen anspornt. Andreas will Tobias und mir einen weiteren Hotelbesitzer vorstellen. Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren Freunden stehen wir kurz darauf wieder an der Promenade und begeben uns zu einem der modern anmutenden großen Hotels in erster Reihe mit herrlichem Meerblick. Hier treffen wir ihn, den 'Boss'. Ein Schwergewicht der Hotelszene, mit dickem goldenen Siegelring, empfängt uns und lässt uns durch sein Personal zu einem abgelegenen Tisch geleiten. Hier kann uns niemand belauschen. Die Szenerie ähnelt derjenigen aus einem amerikanischen Gangster-Thriller der 20`er Jahre. Nur ist Methana heute nicht annähernd so lebendig wie das damalige Chicago. Andreas, Tobias, der Boss, sein Mitarbeiter und ich bilden ein konspiratives Pentagon. Nur gut, denke ich mir, dass Methana noch nicht wieder so touristisch belebt ist wie von Tobias und seinen Mitstreitern erhofft. Denn wer uns so hier sitzen sähe, zudem wenn er kein Wort griechisch verstünde, der würde Reißaus nehmen, die Polizei verständigen oder zumindest reichlich Abstand halten von den fünf führenden Köpfen des mafiösen 'Methaner-Touristenkartells'. Glücklicherweise sind meine Griechischkenntnisse so ausreichend, dass ich verstehe, was die vier aushecken. Ich nippe daher beruhigt und entspannt an meinem griechischen Kaffe. Und ein bisschen hoffnungsfroh. Es bewegt sich also wieder etwas in Methana, wenn auch bislang nur im Verborgenen. Zu Gunsten eines sanften Tourismus wäre es wünschenswert, wenn dieser Trend eine Fortsetzung fände. Für die Liebhaber toller Landschaften und üppiger Vulkanvegetation ebenso, wie für den Kurgast, der in einzigartiger Umgebung zwischen Meer und Bergen ausgezeichnete Möglichkeiten der Genesung finden kann.

Nach dem hoffnungsfrohen Gespräch der 'Methana-Aktivisten' schlendern wir zum Abschluss eines bewegten Tages durch die leblos wirkende Stadt. In zweiter Reihe, parallel zur Hauptstraße, die sich am Meer entlang schlängelt, liegt in einem verwilderten Gartenareal mit Palmen das altehrwürdige und heute leider verfallene Hotel Aithra. Hier hatte seinerzeit auch Michael Deffner gewohnt, als er sich, von den Heilkräften der methanischen Schwefelquellen überzeugt, im Jahr 1912 zur Kur begeben hatte. Tobias kennt den Besitzer des Hotels seit vielen Jahren. Wir können daher sorglos durch den Garten spazieren und uns das ruinöse Hotel aus allen Winkeln ansehen. Seinem Besitzer ist es egal, was aus ihm geschieht. Heute kann es nur noch als Fotokulisse herhalten. Vor dem strahlendblauen Frühlingshimmel wirkt es erstaunlich farbenfroh und lebhaft. Die reifen wohlriechenden Zitronen und Mandarinen an den knorrigen Bäumen im verwilderten Vorgarten tun das ihre dazu, dass man zu träumen beginnt. Von den guten, alten Zeiten auf Methana, als sich Archäologen und Kurgäste die Klinke in die Hand gaben. Heute fiele die Klinke der Hoteltür ab und einem die Decke auf den Kopf, würde man das Gebäude betreten wollen. Wir bleiben sicherheitshalber draussen. Doch trotz der vermoderten Substanz bleibt nach diesem Spaziergang der Eindruck bestehen, dass hier etwas reifen kann, wenn ein paar helfende Hände zupacken. Methana sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Theodoros, Andreas, Kostas und seine Frau, „der Boss“, Tobias; sie sind einige der Hoffnungsträger all derjenigen Methaner und ihrer Freunde, die sich wünschen, dass ihre Insel den jahrzentelangen Dornröschenschlaf endlich beendet. Ich werde sicher in den nächsten Jahren immer wieder hierher zurückkommen. Zum Spazieren gehen, zum Wandern, oder vielleicht auch mal zur Kur, wie einst Michael Deffner. Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich von der Vulkanhalbinsel…

und bin einige Wochen später…

… tatsächlich schon wieder auf Methana. Schneller als erwartet. Freunde aus Deutschland wollten im Frühjahr Segeln gehen und mein Vorschlag, dass doch in Griechenland zu tun, wurde wohlwollend angenommen. Nach einer herrlichen Rundfahrt durch den Saronischen Golf legen wir am letzten Abend im Hafen von Methana an. Natürlich besuchen wir meinen Freund Theodoros, den Wirt der Vulkantaverne, und gemeinsam gehen wir in der Fischtaverne von Theoni essen. Ein würdiger Abschluss für einen sportlich-frühlingshaften Segeltörn. Als ich am nächsten Morgen mit einem Frappè in der Hand an Deck der Yacht sitze, meine Mitsegler schnarchen noch in ihren Kajüten, sehe ich ein Auto vor den Heilbädern parken. Das muss der Wagen von Spyros sein. Kurzentschlossen rufe ich Tobias in Deutschland an, der mir bestätigt, dass der silberne Alfa Romeo dem Chef der Heilbäder gehört. Bei meinem gemeinsamen Besuch mit Tobias auf Methana im Winter war Spyros leider nicht in der Nähe, so dass sich mir stattdessen jetzt unerwartet eine gute Gelegenheit bietet einen Blick ins Innere der Heilbäder zu werfen. Also schnell den Fotoapparat umgehängt und nach einer Umrundung des gesamten Hafens - warum muss ausgerechnet heute das kleine Tor zur Straße abgesperrt sein? - stehe ich vor der offenen Tür des Kurhauses.

Alles verlassen. Keine Kurgäste, keine Beschäftigten, kein Spyros. Erst als ich lauthals in den leeren Empfangssaal des klassizistischen Gebäudes rufe, biegt ein freundlicher grauhaariger Grieche um die Ecke. Seine Brille hängt am Brillenband vor seiner Brust. Etwas verwundert schaut er mich an. Offenbar hat er nicht mit Besuch gerechnet, aber als ich mich ihm als Freund von Tobias vorstelle begrüßt er mich freundlich und ist spontan bereit, mit mir einen Spaziergang durch die Heilbäder zu machen. Spyros Papaioannou und seine Brüder Vassili und Stathis haben die Heilbäder vor ein paar Jahren gepachtet und bemühen sich nun endlich darum, die Thermalquellen mit einer zeitgemäßen Infrastruktur zu verbinden. Das Hauptgebäude des 'Methana Volcanic Spa – The Royal Resort' befindet sich am Ortseingang. Es schließt sich der schwefelig miefende See an, der von den "Abwässern" der Schwefelquellen gespeist wird. Gemeinsam mit Spyros umrunden wir das altehrwürdige Haus, das in den letzten Jahrzehnten leider arg vernachlässigt wurde. Das klassizistische Gebäude wurde um 1912 von einem deutschen Architekten entworfen. Inzwischen ist die Fassade bereits renoviert und glänzt frisch gestrichen in der Sonne. Stolz zeigt Spyros in Richtung des Daches. Dort oben flattert im zarten Wind die chinesiche Flagge. "Wir hatten kürzlich Besuch aus China. Mögliche Investoren.", sagt Spyros.
Seine Körpersprache vermittelt den Eindruck, dass er tatsächlich überzeugt davon ist, dass "sein Methana" an die alten Erfolge anknüpfen kann. Es ist ihm zu gönnen. Mit viel Optimismus, viel Engagement hat er hier bereits eine Menge geschafft, wie er mir nun bei unserem Spaziergang durch die Kurbäder eindrucksvoll vorführt.

Spyros führt mich zunächst zur Hauptthermalquelle. Die hier vorkommenden Quellen sind sehr schwefel- und salzhaltige Thermalquellen mit Temperaturen von ca. 27-38 Grad Celsius. Hinter dem Kurgebäude, versteckt unter einem großen Felsbrocken blubbert das Heilwasser in ein kleines Natursteinbecken. Von hier bezieht das Kurhaus sein Wasser. Über Rohrleitungen fließt es in die einzelnen Bäder im Inneren des Hauses. Die Rückseite des Gebäudes gibt ein erschreckendes Bild ab. So marode hat bis vor wenigen Monaten hier noch alles ausgesehen, doch jetzt wird Schritt für Schritt saniert. Durch den Hintereingang führt mich Spyros in das Gebäude. Die langen gefliesten Flure sind noch nicht renoviert. Vogelkot, so weit das Auge reicht, bedeckt den Boden. Spyros entschuldigt sich höfflichst für das derbe Erscheinungsbild. Aber wenn ich ein paar Monate später gekommen wäre, hätte es hier bereits anders ausgesehen versichert er mir. Wir schreiten durch die im diffusen Licht kafkaesk wirkenden Gänge der Badeanstalt. Ich kann mir nun leicht vorstellen, wie vor fast 100 Jahren Michael Deffner hier seine Kuranwendungen erhalten hat. Heutigem Standard entspricht das was ich sehe selbstverständlich nicht, doch dafür ist der Rundgang mit Spyros geschichtsgeladen spannend. Er erzählt über die Geschichte Methana`s als Kurort, über die heilsamen Schwefelquellen, über die zahlreichen Kurgäste der vergangenen Jahrzehnte. Natürlich auch über Michael Deffner, den er zwar nicht persönlich kennen gelernt hat, den er aber aus vielen Erzählungen selbstverständlich kennt. Deffner hatte Symbolcharakter für die Insel, für die Kurbäder. Wahrscheinlich vergleichbar damit, wenn Spyros heute damit werben könnte, dass der Gesundheitsminister regelmäßig seinen Wellnessurlaub in seinem sanierten Spa auf modernen europäischen Niveau verbringen würde.

Wir verlassen das erst teilsanierte Gebäude, dessen Innenleben mich doch sehr an einen gigantischen Vogelkäfig erinnert hatte. Doch abgesehen von den vogelkotüberdeckten Gängen zeigen die sanierten Abschnitte bereits deutlich auf, was für ein Potential das alte Gemäuer entwickeln kann. Während ich mit Spyros auf die Odos Aktis Saronikou schlendere dreht er sich nocheinmal um und deutet erneut auf die chinesische Flagge die revoltunionär im Wind des saronischen Golfes flattert. "Selbst die Asiaten beginnen sich für Methana zu interessieren." sagt Spyros. Er, der seinen Hauptwohnsitz in Athen hat, kennt die vielen asiatischen Geschäfte zu genüge, wo sie chinesische Billigware zum Verkaufspreis bis zu einem Euro anbieten. Davon gibt es in der griechischen Hauptstadt genug. Der Kurdirektor weiß allerdings auch, dass es nicht annähernd so viele Kurgäste auf Methana gibt. Qualitativ hochwertige Gesundheitsdienstleistungen als Exportschlager für europabegeisterte Asiaten? Ganz so weit sind wir noch nicht. Spyros und ich hingegen haben während dieses Gespräches beinahe die gesamte Promenade Methanas` passiert. Im Osten der Stadt bei der Kapelle Agios Nikolaos sehen wir bereits das zweite wichtige Heilbad, dessen moderne Einrichtung nach langwierigen Umbaumaßnahmen bereits weitgehend fertiggestellt ist. Hier befinden sich die mit bis zu 42 Grad Celsius wärmsten Thermalquellen der Halbinsel. Im Gegensatz zu den Quellen am Ortseingang von Methana sind die hier vorherrschenden schwefelarm, aber dafür chlorreich und salzhaltig. Und auch beim Eintritt in den liebevoll angelegten Vorgarten des Heilbades spüre ich einen deutlichen Unterschied: Belebter wirkt es hier. Bunter. Bewegter. Als wir das Portal durchschreiten, kommt fröhlich lächelnd Maria auf uns zu. Sie begrüßt uns ausgesprochen freundlich und sprüht vor guter Laune. Die junge Griechin kümmert sich in diesem bereits sanierten Gebäudekomplex sowohl um die Organisation als auch um die Betreuung der wenigen Kurgäste. Sie führt mich gemeinsam mit Spyros durch diesen Teil der Heilbäder. Fitnessräume, Saunabereiche, Massagebänke, Ruheräume, Hammam, Badewannen aus Baden-Baden – wie Spyros stolz verkündet - und vieles mehr präsentiert sich hier in bester Ausstattung. Hier kann man sich wohl fühlen. Urlaubsstimmung kommt auf. Gerne würde ich länger bleiben, eine Honig-Fuß-Massage (40 € für 30 Minuten) oder eine Aroma-Thalasso-Entspannungs-Therapie zum gleichen Preis genießen oder in Heilwasser baden Aber meine Segelcrew will bald ablegen und so bleibt mir nur noch Zeit dafür, mit Spyros hinabzusteigen zu den altrömischen Heilquellen, die wir über eine Treppe im Hof erreichen. Hier ist es kein Schwefel, sondern Chlor und Salz was das Wasser aus der unterirdischen Quelle besonders macht. Die im Felsgestein verborgene Quelle speist ein antikes noch von den Römern angelegtes Bad, welches lange Zeit verborgen unter der Erde bedeckt lag. Spyros berichtet mir davon, wie dieses Kleinod zufällig gefunden und freigelegt wurde. Jetzt sind er und seine Brüder dabei es schrittweise so umzubauen, dass es ein lohnendes Ausflugs- und ein aufwertendes Kurziel wird. In einem antiken römischen Heilbad, open-air, mit Blick auf den blauen Saronischen Golf. Was wünscht sich der Kurgast mehr?"Wir wollen in den nächsten Jahren schrittweise die Modernisierung der Kuranlagen abschließend und dann sachte Kurgäste nach Methana locken", sagt Spyros.
Er klingt zuversichtlich für seinen weiteren Weg. Auf unserem Rückweg zum Yachthafen bedanke ich mich für den eindrucksvollen Spaziergang und die vielen Eindrücke hinter den Kulissen eines Kurortes im Umbruch. Oder sollte ich besser von Aufbruch sprechen?
Vielleicht besser nicht. Tobias hatte einen solchen schon häufiger zu verspüren geglaubt, bislang war ein solcher allerdings leider nicht nachhaltig eingetreten. Daher bleibt ein wenig Skepsis geboten.
Das Potential ist jedoch vorhanden. Alle zusammen, die "Aktivisten von Methana", haben sie vielleicht irgendwann eine reale Chance. Der Anfang scheint gemacht. Er ist vielversprechend. Und egal wie es hier weitergehen mag, ich werde gerne und möglichst bald wieder herkommen. Ob als Kurgast oder als Individual-Wanderer, das wird die den Methanern reichlich vorhandene Zeit zeigen.